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Photo by Carnaby Gilany on Unsplash
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Grenzen überwinden

Einen wirklichen Dialog zu führen, das ist für viele Menschen im ersten Moment so, als würde man als passionierter Autofahrer denken, man könne selbstverständlich auch Motorrad fahren – obwohl man bisher nur Fahrrad gefahren ist.

Mir jedenfalls ging es so, sowohl beim Motorradfahren als auch bei dem Dialog. Als ich mit dem Motorrad meine ersten Bodenkontakterfahrungen hinter mir hatte (die Gottseidank sehr glimpflich ausgingen) begann ich mich erst einmal ernsthaft um die richtige Schutzkleidung zu kümmern.

Es dauerte noch eine ganze Weile bis ich begriff, dass ich tatsächlich erst einmal ernsthaft lernen musste, richtig zu fahren. Das ging jedoch weit über die Technik hinaus. Das musste ich erst begreifen. Da ich schon in der Schule sehr gut in Physik war, lernte ich schnell, wie man am besten um die Kurve kommt, doch das bedeutete noch lange nicht, dass ich es auch wirklich gekonnt hätte. Heute nach 5 Jahren Praxis sage ich, dass ich Motorradfahren noch immer lerne. Da ist noch viel Luft nach oben.

Das Motorradfahren ist eine sehr gute Metapher für die Situation, die mir und wahrscheinlich auch anderen im Dialog begegnet. Auch den Dialog muss man lernen. Nur weil man miteinander diskutieren kann, kann man noch lange keinen Dialog. Allein seine Regeln zu kennen, genügt leider nicht. Man muss sie derart verinnerlicht haben, dass man sie wirklich ganz automatisch anwendet, ohne noch einen einzigen Gedanken daran verschwenden zu müssen.

Was es braucht, ist die innere Haltung des Dialogs. Also nichts Aufgesetztes. Leider ist es nicht so einfach, das Nicht-Wissen des impliziten Könnens von dem Nicht-Wissen der Illusion zu glauben, man wüsste schon, zu unterscheiden. Den Unterschied bekommt man entweder von anderen mehr oder weniger freundlich mitgeteilt oder man erfährt es unfreiwillig selbst, einfach deshalb, weil es nicht funktioniert.

Nochmal zurück zum Motorrad: Mit dem Auto ganz langsam zu fahren ist ja keine Kunst. Mit dem Motorrad hingegen ist es eine echte Herausforderung. Die wirkliche Kunst ist nicht schnell, sondern gerade langsam zu fahren und das weder in Schlangenlinien noch umzufallen. In der Konvention fahren wir sozusagen mit dem Auto, wir blenden die eigene Instabilität einfach aus, weil wir sie nicht wahrnehmen können, da fehlt wohl die Herausforderung.

Ganz anders mit dem Motorrad, da können wir die Instabilität nicht einfach ausblenden oder ignorieren. Stützräder für ein Motorrad gibt es nun einmal nicht, also ich habe noch keine gesehen. Und im ernsthaften Dialog gibt es die auch nicht. Es geht also immer nur um die eigene Stabilität – und die ehrliche Selbsteinschätzung.

Entweder, ich stehe zu meiner Instabilität, bin mir ihrer bewusst und suche sie auszugleichen – oder ich blende sie schlichtweg aus, indem ich die Konfrontation damit meide und mich lieber auf Modelle beziehe – also dialogische und kommunikative Stützräder benutze. Aber dann tue ich nur so, als würde ich einen Dialog führen, führe ihn aber in Wahrheit nicht.

Dasselbe ‚Problem‘ wie beim Dialog finden wir auch bei der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg. Man kennt die Regeln, doch man wendet es nicht wirklich an, einfach deshalb, weil die innere Haltung nicht stimmt.

Beim Dialog ist es wie bei der Gewaltfreien Kommunikation oder der Achtsamkeit. Was bezweckt man wirklich? Man darf nicht der Illusion verfallen, dass der Dialog per se gut sei. Auch ein Dialog will geübt sein.

Und das finde ich toll, dass wir hier den Anfang gemacht haben, uns darauf einzulassen. Keine Diskussion, sondern einen Dialog. Ich für meinen Teil habe viel reflektiert, auch wenn ich kein Wort verloren habe.

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