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Crisis
Photo by Robert Metz on Unsplash

Herausforderungen und Chancen in Zeiten der Pandemie


Gedanken von Mag. Barbara Knittel


4 Bereiche sind mir aufgefallen – gesellschaftliche Lebensnerven, die jetzt, in dieser Zeit der Pandemie besonders betroffen sind:

  • Die Sicherheit oder auch Sicherungen des Lebens und unsere Verletzbarkeit und Unsicherheit.
  • Das Wachstum – nicht nur Wirtschaftswachstum, sondern auch das persönliche Wachsen und unsere (Selbst-)Begrenzung.
  • Die Verdrängung von Sterben und Tod und ein Leben mit unserer Endlichkeit.  
  • Die Gestaltung unserer Beziehungen, die das Spiel braucht zwischen Nähe und Distanz, zwischen Zärtlichkeit, Umarmung, intensiver Berührung und Abstand.

Es geht jetzt nicht um ein „entweder – oder“- also entweder Sicherheit oder Verletzbarkeit mit aller Unsicherheit. Es geht um eine polare Spannung, in die wir durch die Pandemie gerufen sind. Z. B. zwischen den Polen mit mehr Beweglichkeit leben zu lernen.

Zu Sicherheit und Unsicherheit / Verletzbarkeit

Ich erinnere mich an die Zeit des ersten Lockdowns. Jede Nachrichtensendung hat mit dem Satz geendet: „So kommen wir sicher durch die Krise“. Dagegen setze ich: „Jetzt sind alle von Unsicherheit betroffen.“

So schwer es ist – aber vielleicht wird es möglich, dass wir trotz aller Angst beweglicher werden – zwischen Sicherheit und Unsicherheit.

Nichts ist für mich so erschreckend wie die sog. Unverletzbaren, die ganz sicheren Menschen. Sie prägen ja eine Kultur, in der es heißt:

  • Lebenserhaltung als oberstes Prinzip,
  • erfolgreich leben,
  • Menschen, die gebraucht werden, aber auch verbrauchen, (der Fokus liegt dann nahe- der Mensch hauptsächlich als Wirtschaftsfaktor).

Zur Lebenssicherheit gehört auch, dass ich mit der Zeit rechnen kann. Es gibt ein Morgen, ein Übermorgen, ein nächstes Jahr. 

Aber wer weiß schon sicher, was morgen wirklich kommt?

Wo die Selbstverständlichkeiten des Lebens gestört sind, da kommen die Zeitbegriffe durcheinander“.

(Fullbert Steffensky in seinem Aufsatz „Mut zu Endlichkeit“ 2020)

Wir sind uns also unserer Zukunft nicht mehr sicher. Aber heißt das „nur Verlust“? Ist es nicht auch eine Aufforderung: „Jetzt bin ich da. Jetzt ist der Moment, von dem ich erfasst bin.“

Das heißt – sich von der Angst vor dem Morgen nicht gleich fortreißen lassen – sondern die Momente – jetzt – zu merken.

Die Philosophin Natalje Knapp sagt zum Leben im Moment, „dass die Zeit in die Tiefe wächst“ (Knapp, 2015, S 186).

Und Sören Kierkegaard, ein Theologe des 19. Jhds, bringt diese Zeitmomente in noch größere Zusammenhänge:

Sollten hingegen Zeit und Ewigkeit einander berühren, so muss es in der Zeit sein, und nun stehen wir beim Augenblick… Solchermaßen ist der Augenblick nicht eigentlich Atom der Zeit, sondern Atom der Ewigkeit. Er ist der Ewigkeit erster Widerschein in der Zeit, ihr erster Versuch, die Zeit gleichsam anzuhalten“

Zu Wachstum und Selbstbegrenzung

Nun berühre ich ein ganz komplexes Thema – die Ideologie des Wirtschaftswachstums. Die Pole: Wachstum und Selbstbegrenzung im Zusammenhang mit einer würdigen Koexistenz aller Lebewesen auf dieser Erde. Dieses Thema wird durch die Pandemie besonders angestoßen. 

Damit zugleich geht es auch um persönliches Wachstum und Selbstbegrenzung – wir wachsen im älter werden in eine Begrenzung hinein, in eine Bedürftigkeit.

„Nur stark“ – geht gar nicht mehr. Die nie Zusammengebrochenen können Gebrochenheit und Schwäche schwer verstehen. Aber gehört nicht die Schwäche, die Bedürftigkeit auch zu unserer Humanität? Mitgefühl geht nur, wenn ich vom Leiden des Anderen selbst eine Ahnung habe. 

Das könnte ja heißen, dass wir durch diese Pandemie auf eine vernachlässigte Seite von Menschlichkeit aufmerksam werden können. Auch eine Möglichkeit des Wachstums?

Wachstum und Selbstbegrenzung schließen sich gegenseitig nicht aus, sondern könnten einen neuen menschlichen Bewegungsraum eröffnen.

Zur Verdrängung von Sterben und Tod: ein Leben mit der Endlichkeit  

In der Zeit der Pandemie könnte das eine besondere Aufforderung sein: Das Leben und Sterben wieder bewusster ins Leben zu holen. 

Nicht immer ist es möglich, ans Sterben zu denken. Ein „Verdrängen“ ist auch notwendig – aber es ist auch wichtig, sich immer wieder an die Nähe von Leben und Sterben zu erinnern. Manchmal sogar zugleich: Endlichkeit zu bemerken und im Moment selbstvergessen zu sein. 

Endlichkeit liegt nicht am Ende des Lebens, sondern macht das Leben eigentlich aus. Jeder Augenblick geht vorbei – ein ständiges Loslassen in den verschiedensten Schattierungen des Lebens. Wir sind nicht Macher unserer Zeit, unseres Lebens und zum Verzicht des Machens gehört das Einverständnis mit der Vergänglichkeit, mit dem Sterben – nicht erst dann, sondern auch „jetzt“.

Die Endlichkeit liegt im Leben selbst, im begrenzten Glück, im begrenzten Gelingen, in der begrenzten Ausgefülltheit, in der begrenzten Vitalität und Gesundheit. … das Halbe also nicht zu verachten“.  

(Steffensky 2020)

Wir sind mehr unsere Endlichkeit als unsere Vollendung.

Das Spiel zwischen Nähe und Distanz

Dieses „Spiel“ ist jetzt zum Schutz vor Erkrankung eingeschränkt. Die allernächsten Menschen darf ich berühren, umarmen, intensiver spüren. Zwischen Arbeitspartnern, Freunden und Freundinnen ist nur mehr der Abstand möglich. 

Zärtlichkeit über Gesten, über Worte, das ist jetzt verstärkt möglich. Und doch höre ich die Sorge von Menschen – „unsere Kultur in der Begegnung geht verloren“.  Und ich höre von alleinstehenden Menschen, denen die wärmende Berührung sehr fehlt. Und vor allem von kranken Menschen, die nur mehr sehr dosiert von ihren Lieben berührt werden können. 

An dieser Stelle wird durch die Pandemie etwas Wesentliches zwischen Menschen eingeschränkt. Oder mein Wunsch, dass in dieser Askese unsere Sehnsucht nach herzhafter Berührung nicht erlischt, sondern beflügelt wird.

Literatur:

Martin Buber. „Ich und Du“, Lambert Schneider 1994  

Reimer Gronemeyer. „Die Weisheit der Alten, Sieben Schätze für die Zukunft“, Herder 2018

Ina Schmid. „Über die Vergänglichkeit. Eine Philosophie des Abschieds“, Körber 2019

Natalie Knapp „Der unendliche Augenblick“, Reinbeck 2015

Fullbert Steffensky. „Mut zu Endlichkeit“, nicht veröffentlichter Aufsatz 2020

Vorstellungsvideo und Interview Mag. Barbara Knittel

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