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Photo by Steve Johnson on Unsplash
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Selbsterkenntnis ist kein Schatz

Nach so vielen Beiträgen über die Bedeutung von Selbstreflexion habe ich etwas den Faden verloren. Was wir an dieser Stelle zusammenfassen können? Nun, es gibt viele Meinungen und es gibt Unterschiede in den Sichtweisen, was uns nicht sehr verwunderlich vorkommen dürfte. Die unterschiedlichen Meinungen beleben unser demokratisches Zusammenleben und sie sorgen für anregende Spannungen. Auf der anderen Seite taucht die Frage nach dem Wert von Meinungen auf. Da erinnere ich mich an ein Zitat, dass ich vor einigen Jahren bei dem – zugegeben eher umstrittenen Autor – David Richard Hawkins – gefunden habe. Dieses Zitat hat mein Denken vor eine große Herausforderung gestellt: „Wenn man sorgfältig prüft, findet man, dass alle Meinungen wertlos sind. Alle sind sie Nichtigkeiten, haben keine Bedeutung, und es wohnt ihnen keinerlei Verdienst inne.“ Ähnliches finden wir natürlich auch bei David Bohm, der die Welt des kollektiven Denkens für uns aufgespannt hat.

Meinung ist nur ein Impuls

Sind es nicht die Meinungen, die unseren Intellekt erst auszeichnen? So sehr ich auch an Diskussionen Gefallen finden kann und so sehr ich mit großem Engagement an meinen Meinungen feile, so berechtigt scheint mir diese Frage zu sein. Meinungen sind kaum mehr als Gedankenkonstrukte, die sich aus (meinem) Denken in einem rekursiven Prozess herauswühlen und die sich in diesem Augenblick des zur Weltkommens für mich richtig gut anfühlen. Hinter jeder meiner Meinungen aber steht eine lange Reihe von Menschen, die in diesem Entstehungsprozess auf unterschiedliche Weise Einfluss genommen haben. Es ist also gar nicht meine Meinung, sondern die „Meinung“ von Hunderten. Meine Meinung ist also kein „Schatz“, der sich durch seine Anwesenheit in mir auszeichnet und Wert erhält, sie ist viel eher mit dem Kapital zu vergleichen, dessen Bedeutung immer nur im Augenblick des Vorüberziehens kurz aufleuchtet, um sich rasch wieder auf die weltumspannende Reise zu machen. Meinungen sind fluide und nur ihre Weiterentwicklung durch stete weitere Vernetzung ist bedeutungsvoll. Die ausgesprochene Meinung zeigt keinen anderen Wert, als den, ein Impuls für die Entwicklung zu sein.

Nur nicht anhaften

Wer seine Meinung als Schatz hütet und daran festhält oder gar eine „Schule“ daraus kultivieren möchte, der trägt vermutlich viel zu Konflikten, aber wenig zur Entwicklung der Welt bei. Der Geist verschließt sich, um den Schatz zu hüten. Wer seine Meinung als Kapital betrachtet, das in den kollektiven Strom der Meinungen investiert auf die Reise geschickt werden will, der bereichert die Welt. Der Geist öffnet und weitet sich aus. Durch die komplexe Integration von scheinbar individuellen Gedankenströmen zu einem kollektiven Denk- und Entwicklungsraum entstehen neue Sichtweisen, die uns bereichern und die hoffentlich wieder für helle Momente sorgen können. Die Kapitalvermehrung kommt der Komplexifizierung der Meinungen gleich.

Ich halte es daher heute so: Es ist gut und oft hilfreich, eine Meinung zu haben, aber es tut nicht gut, an einer Meinung zu lange anzuhaften, schon gar nicht an der eigenen. Meinungen bilden, sie aussprechen und ziehen lassen, offen sein für andere Meinungen und Impulse geben und nehmen. Aber Meinungen sind nicht tief, sie sind nicht von Dauer und so gesehen, im wahren Sein ohne Bedeutung.

Du sprichst zu Hunderten gleichzeitig

Und was hat das nun mit Selbstreflexion zu tun? Es ist dies doch auch ein Prozess der augenblicklichen Eigenwertbestimmung. Zu welchem Schluss ich auch immer über mein Sein kommen mag, meine Selbsterkenntnis verhält sich wie eine Meinung. Ihr Wert liegt nur darin, einen Impuls für meine weitere Entwicklung zu leisten und so ein immer komplexerer Mensch zu werden. Und wer mit mir spricht, der spricht in Wirklichkeit zu Hunderten gleichzeitig.

Herzlich,

Heinz Peter Wallner

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