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Foto/Gemälde: Manfred Evertz http://manfred-evertz-art.com
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Selbstreflexion im Krisenmodus

Wir haben vermutlich alle irgendwann einmal gelernt, wie wir mit schwierigen Situationen umgehen können. In der Regel sind die Strategien, die wir in einem solchen Fall nutzen, auch hilfreich. Davon gibt es allerdings etliche, die wir kaum alle kennen können oder anzuwenden wissen. Führen uns unsere gewohnten Denk- und Verhaltensmuster in eine Sackgasse, dann ist es m. E. ratsam, mal über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und sich auf einen Perspektivwechsel einzulassen.

Als ich vor einigen Wochen darum gebeten wurde, für diesen „Blogger-Dialog“ einen Artikel zum Thema „Selbstreflexion und Krisenbewältigung“ zu schreiben, stellte ich mir zunächst die Frage, was ich darüber zu Papier bringen solle? Es müsste sich doch inzwischen überall herumgesprochen haben, was es bedeutet, sich selbst zu reflektieren, und inwieweit einem das in schwierigen Zeiten helfen (oder auch blockieren) kann? Warum sollte ich also das, was man zudem in tausenden von Büchern nachlesen kann, nochmals verschriftlichen? Obwohl ich also nicht genau wusste, warum ich das eigentlich tue, habe ich darüber – nach kurzem Zögern – einen Artikel geschrieben.

Schon bald darauf wurden die Beiträge meiner Kollegen/-innen der Reihe nach veröffentlicht. Als ich mir die Texte anschaute, wurde mir klar, dass es wohl doch nicht so trivial ist, wie ich zunächst dachte. Bis auf den Beitrag von Stefan Fourier, der sich mit reflektierenden Organisationen befasst, behandelten zwar alle – mehr oder weniger – das gleiche Thema, jedoch wurde mir deutlich, wie sehr sich unsere Betrachtungs- und Herangehensweisen voneinander unterscheiden. Im Grunde genommen hätte mir das aber klar sein müssen, weil wir natürlich alles um uns herum so wahrnehmen und interpretieren, wie es sich für uns als Individuen aufgrund unserer bisherigen Erfahrungen darstellt bzw. anbietet. In den Ausführungen von Michael Defrancheschi, dem Initiator unseres Dialogs, wird bspw. eine Systematik vorgestellt, die sich m. E. insbesondere (aber nicht nur) von Führungskräften ganz hervorragend in den Alltag integrieren lässt und bei konsequenter Umsetzung gewiss einen hohen Nutzen hat.

Vor wenigen Tagen wurde nun die zweite Runde eröffnet und ich fühlte mich dazu aufgerufen, in einem weiteren Artikel auf die oder zumindest auf einen der anderen Beiträge einzugehen. In einem richtigen Dialog stelle ich meinem Gegenüber normalerweise zunächst immer die ein oder andere Frage, um das, worüber gesprochen wurde, zunächst etwas besser zu verstehen. Erst dann äußere ich ggf. meine eigenen Gedanken dazu. Das werde ich auch im Folgenden tun, wobei ich mich jeweils vor allem auf das beziehe, was mich irritiert oder neugierig gemacht hat, jedoch ohne zuvor eine Antwort auf meine Frage(n) bekommen zu haben. Dabei möchte ich vorwegnehmen, dass mir das allermeiste von dem, was ich in den verschiedenen Beiträgen finden konnte, plausibel und stimmig zu sein scheint.

Also fange ich mal mit den Fünf Schlüsselfragen für ein bewusstes Leben an. Heinz Peter Wallner leitet seinen Artikel mit der Aussage ein, dass ihn seine eigene Reflexionsreise zu fünf sogenannten Grundtönen geführt habe, die er daraufhin vorstellt. Einen davon bezeichnet er als „Willenskraft“. Mich würde es interessieren, ob er damit das meint, was ich vielleicht eher „Veränderungsmotivation“ nennen würde, die (mal mehr und mal leider weniger) handlungswirksam wird und folglich im Idealfall dazu führt, dass man damit beginnt, irgendetwas zu tun bzw. zu verändern? Vermutlich stelle ich mir diese Frage nur, weil ich mit dem von ihm in diesem Zusammenhang gewählten Begriff nicht allzu viel anzufangen weiß.

Christine Kranz würde ich gern fragen, ob sie das, womit sich ihrer Auffassung nach Krisen kraftvoll meistern lassen, mit dem Achtsamkeitskonzept von Jon Kabat Zinn bzw. der MBSR (Mindfulness-Based Stress Reduction ) in Verbindung bringt. Ihre Ausführungen deuten m. E. jedenfalls sehr darauf hin. Dabei fände ich es spannend zu erfahren, wie sie das genau umsetzt? Wie können wir ihr zufolge lernen, unsere Eindrücke, Ahnungen oder Stimmungen bewusster wahrzunehmen und äußere Ablenkungen und Kompensationen dabei außer Acht zu lassen? Mit welchen Methoden hat sie in dieser Hinsicht besonders gute Erfahrungen gemacht?

Barbara Knittel schreibt über Herausforderungen und Chancen in Zeiten der Pandemie. Beim Lesen hatte ich den Eindruck, ihre Gedanken hätten auch gut von Fritz Perls stammen können. Und siehe da, in ihrem Vorstellungsvideo bestätigte sich meine Annahme, sie habe sich wohl intensiv mit der (integrativen) Gestalttherapie beschäftigt. In ihrem Text schreibt sie u. a., dass wir, wenn wir älter werden, in eine Begrenzung hineinwachsen würden, also in eine Bedürftigkeit. Da ich seit Beginn des Jahres im Rahmen einer neuen Tätigkeit regelmäßig mit Menschen im hohen Alter spreche, würde ich von ihr gern mehr darüber erfahren, wie sie jenen Klienten/-innen begegnet, die damit nicht umzugehen wissen und deshalb einen hohen Leidensdruck entwickelt haben? Wie genau zeigt sich eine von Mitgefühl geprägte „Begegnungskompetenz“? Genügt es, wenn wir uns dabei auf jenes Einfühlungsvermögen, das uns (mehr oder weniger) in die Wiege gelegt wurde, sowie auf unsere Intuition verlassen? Reicht es schon, anderen Menschen mit einer Haltung zu begegnen, wie sie Carl Rogers beschrieben hat? Oder bedarf es dazu mehr?

Zu dem Beitrag von Peter Zettel fallen mir mehrere Fragen ein, da er sich auf äußerst komplexe philosophische (Wittgenstein) und spirituelle (Nagarjuna) Ansätze bezieht und daraus Schlussfolgerungen ableitet, die ich nicht ohne Weiteres nachvollziehen kann, was aber vermutlich vor allem an der Kürze seines Textes liegt. Ich möchte mich dennoch auf eine Frage beschränken: Warum geht er davon aus, Selbstreflexion im Sinne von „nachdenken“ sei die absolut nicht zielführende Frage nach dem „Warum“? Ist eine Antwort darauf nicht manchmal sogar hilfreich, z. B. um sich eigene Reaktionen oder dysfunktionale Verhaltensmuster erklären (und sie ggf. verändern) zu können? Und gibt es nicht auch viele andere Fragen, die Menschen sich stellen (können), wenn sie über sich selbst nachdenken?

Abschließen möchte ich diesen Artikel mit einem kurzen (Zwischen-)Fazit: Es gibt viele hilfreiche Ansätze, wenn es darum geht, sich selbst zu reflektieren, die einem – auch in einer Krise – dabei helfen können, neue Ideen und/oder Perspektiven zu entwickeln. Dafür haben wir alle Strategien entwickelt und uns ggf. sogar Methoden angeeignet, die (mehr oder weniger gut) zu uns passen. Geraten wir in eine Krisensituation, kann es allerdings sein, dass wir mit unseren Gedanken dennoch an einem gewissen Punkt nicht wirklich weiterkommen und wir uns irgendwie neu erfinden müssen, um eine wünschenswerte Veränderung hinzubekommen. Dann ist ein Perspektivwechsel oftmals hilfreich. Wenn Sie also mal nicht wissen, was Sie tun sollten, oder sich Ihre Lage und/oder Stimmung trotz einer ausgiebigen Selbstreflexion zunehmend verschlechtert, dann empfehle ich Ihnen, sich ein Gegenüber zu suchen und möglichst offen über Ihre Gedanken zu sprechen. Nicht immer muss das jemand aus dem professionellen Umfeld sein. Wem würden Sie sich ggf. anvertrauen?

Dipl.-Psych. Rainer Müller, www.psyche-und-arbeit.de

Titelbild/Gemälde: Manfred Evertz, http://manfred-evertz-art.com

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