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Januskopf
© Peter Zettel

Selbstreflexion und Krisenbewältigung


Wir handeln als Ganzes,

nur wir verstehen uns als Einzelner.

Als ich das Thema für diese Gedanken von Michael Defranceschi bekam, fiel mir spontan obiger Gedanke ein. Irgendwie passt das für beide Begriffe.


Selbstreflexion 

Sehe ich Selbstreflexion unter diesem Blickwinkel, dann darf ich mich gerade nicht fragen, was ich bin, sondern was ich nicht bin, so wie Hui Neng auf diesen Text des Mönchs Shenxiu

Der Leib ist der Bodhi-Baum
Der Geist ist wie ein klarer stehender Spiegel

Poliere ihn allzeit mit Eifer
Lass keinen Staub daran haften. 

erwiderte:

Im Grund gibt es keinen Bodhi-Baum
Da ist kein klarer Spiegel auf einem Gestell

Im Ursprung ist da kein Ding
Worauf soll sich Staub legen? 

Wen mag es da noch wundern, dass ihm dies die Anerkennung des fünften Patriarchen Hóngrěn, nicht aber die seiner Mitstreiter einbrachte. Manchmal scheint es wirklich gefährlich zu sein, anders als der Mainstream zu denken.

Langer Rede, kurzer Sinn: In diesem Video von Gert Scobel wird für mein Empfinden sehr deutlich, dass es in aller erster Linie darum geht, welches Verständnis wir von der Welt, den Menschen, der Gemeinschaft, unserer Zusammenarbeit haben. Und damit auch von uns selbst.

Will ich mich selbst reflektieren, dann mache ich es wie Shenxiu und Hui Neng: Ich schaue in den Spiegel. Was werde ich da sehen? Damit beginnt das Problem, ich werde nämlich mein Verständnis von der Welt sehen. Nur bedeutet das auch, dass ich mich wirklich sehe?

Das kann es jedoch nur dann bedeuten, wenn mein Verständnis von der Welt absolut korrekt ist. Nur habe ich immer gewaltige Probleme mich hinzustellen und zu sagen ‚Ja, ich weiß es ganz genau!‘. Woher bitte will ich das wissen? Weil ich ein sauberes Hochdeutsch spreche, jedenfalls, wenn ich will? Weil ich Logik einigermaßen beherrsche? Oder Jura studiert und als Rechtsanwalt wie als Berater gearbeitet habe?

All das sind keine Kriterien dafür, dass ich etwas über die Welt sagen könnte, denn um darüber zu reden benutze ich vor allen Dingen eins: Sprache. Und schon stecke ich in einem ernsthaften Dilemma. Sprache bildet die Wirklichkeit nur so ab, wie ich selbst sie verstehe.

Wie sagte doch Wittgenstein? „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Doch das ist nicht alles, denn nachzudenken bewegt sich in genau diesen sprachlichen Grenzen. Daher kann ich mich nur insoweit reflektieren, als ich denken kann. Doch das weiß ich ja bereits, also brauche ich darüber nicht zu reflektieren.

Selbstreflexion im Sinne von nachdenken ist die absolut nicht zielführende Frage nach dem „Warum?“. Und denke ich darüber nach, wie ich gerne wäre, sagt das auch nichts über das aus, wie ich bin. Denn auch da bewege ich mich in den Grenzen meiner Sprache.

Will ich mich also ernsthaft selbst reflektieren, muss ich über mein eigenes Denken hinausgehen. Und das bedeutet, zu meditieren. Doch Meditation bedeutet nicht, sich den Hintern platt zu sitzen oder sich zu entspannen. Sondern es bedeutet, sich nicht auf etwas zu konzentrieren und sich von dem eigenen Denken zu lösen. Es macht vielleicht Sinn, sich dazu einmal das Video mit Krishnamurti anzuhören.

In diesen Zustand kommen wir immer dann, wenn wir in einen Flow kommen, einen wirklichen Flow. Und das heißt, absolut frei von falsch und richtig zu sein, also gerade nicht zu denken! Dann passiert genau das, was wir in der Selbstreflexion wollen: Uns ideal zu verhalten, also das beste ‚Ich‘ zu sein, das wir sein können. Und das gelingt ausschließlich (!!) durch Selbstorganisation.

Also bitte nicht denken, sondern den Flow suchen. Das ist Selbstreflexion.

Krisenbewältigung

Wirklich gutes und effektives Krisenmanagement geschieht im Flow.

Für die Krisenbewältigung gilt also das Gleiche, wenn auch mit anderen Rahmenbedingungen. Auch dafür brauche ich keine Methoden, sondern zum einen grundsätzliches Wissen und zum anderen Selbstorganisation.

Haben wir ein Problem – und eine Krise ist eines – können wir es nur auf diese Weise klären. Ich will versuchen, dies an einem konkreten Beispiel darzulegen. Stellen Sie sich vor, ich fahre mit dem Motorrad mit hoher Geschwindigkeit eine kurvige Strecke entlang, als unerwartet ein PKW auf die Straße einbiegt und mir die Vorfahrt nimmt. Wenn ich nicht reagiere, werde ich ein gewaltiges Problem haben.

Beginne ich in diesem Moment zu überlegen, was zu tun ist, brauche ich nicht lange zu überlegen, denn kaum habe ich mit nachdenken begonnen, kollidiere ich schon mit dem Auto. In Krisensituationen nachzudenken hilft garantiert nicht. Was also hätte ich tun sollen?

Ich hätte mich im Vorfeld mental mit den technischen Fragen meines Motorrades beschäftigen müssen. Also hätte ich den Kammschen Kreis studiert, bis ich ihn begriffen hätte. Und wie sich das Motorrad verhält, wenn ich bremse, denn daraus ergibt sich, wie ich bremsen sollte. Kommt auf das Bremssystem und den Motorradtyp an und ist nicht so einfach wie bei einem PKW. Muss man eben wissen.

Genauso muss ich wissen, welche mentalen „Sperren“ ich in mir selbst deaktivieren muss. So kommt ein Mensch wie jedes Tier nicht so ohne weiteres über eine Schräglage um die 20° hinaus. Will ich jedoch die mögliche Schräglage von ca. 40° plus realisieren, genügt nicht schon das entsprechende Material, ich muss es vorher Kurve um Kurve gelernt haben. Nur so kann ich die natürliche Grenze überwinden.

Das ist der erste Schritt, nämlich das explizite Wissen zu implizitem Können werden zu lassen. Wissen alleine ist sinnlos, ich muss es auch können. Habe ich nach zwei Bodenkontakten begriffen, dass man diesen Schritt nicht auslassen darf. Und ich im Beruf habe ich das auch erlebt.

Wenn ich mein explizites Wissen zu explizitem Können habe machen können, es also ohne nachzudenken abrufen kann, kann ich zu dem nächsten Schritt übergehen. Ich denke nicht mehr nach, begebe mich also bewusst in den Zustand des Flow.

Bekomme ich das hin, habe ich die Chance eröffnet, dass Selbstorganisation möglich wird. Wie gesagt, möglich, denn ich kann sie nicht bewusst herbeiführen. Sie passiert eben, wenn sie passiert. Es sind diese Momente, in denen man sich an die Stirn schlägt und sich fragt, weshalb man nicht viel früher darauf gekommen ist.

Es ist der Heureka-Moment. Wir wissen ja, Heureka ist altgriechisch und heißt „Ich habe [es] gefunden“. Das ‚Geheimnis‘ des Heureka-Phänomens ist, dass man ihn nicht finden kann und er immer unwahrscheinlicher wird, je mehr man ihn zu erreichen sucht. ‚Eigentlich‘ findet er uns und nicht wir ihn. Doch wenn man sich finden lassen will, muss man sich erst einmal verdünnisieren, nicht anwesend sein. Das gelingt am leichtesten, wenn man die Frage wer oder was man ist völlig aufgibt und sich stattdessen fragt, was man nicht ist. Sehr hilfreich sind dabei die 8 Verneinungen Nagarjunas:

Nichtvergehen, Nichtentstehen, Nichtabbrechen, Nichtandauern, Nichteinheit, Nichtvielheit, Nicht-zur-Erscheinung-Kommen, Nicht-aus-ihr-Verschwinden.

Es ist wie mit einem Regenbogen: Wunderschön anzuschauen, aber tatsächlich gibt es ihn nicht. Und genau so sind wir Menschen auch. Man nimmt uns wahr, aber es gibt uns nicht, nur ein Zusammenspiel von Dingen, die wir nicht sind.

Es geht also allein darum, die grundsätzlichen Fragen zu erkennen, zu beantworten, sie zu explizitem Wissen zu machen und sich mit diesem Wissen auf einen Flow einzulassen, also nicht mehr „anwesend“ zu sein.

Vorstellungsvideo und Interview Peter Zettel

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