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Photo by Pepe Reyes on Unsplash
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Selbstreflexion und Krisenbewältigung

Wie lassen sich Probleme lösen, wenn man sich nicht hundertprozentig sicher ist, wodurch diese überhaupt entstehen bzw. was sie bedingt? Wer bin ich, was charakterisiert mein Verhalten und wie wirkt es auf andere Menschen? Erreiche ich damit das, was ich erreichen möchte? Was kann ich tun, um eine Situation zu verändern, in der ich festzustecken scheine? Diese Fragen drängen sich bspw. auf, wenn man den Wunsch hat, sich genötigt fühlt oder gezwungen ist, etwas an sich selbst oder in dem eigenen Leben zu verändern, aber nicht genau sagen kann, welche Veränderung in welcher Form nun tatsächlich sinnvoll oder hilfreich wäre. 

Das Wort „Krise“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet so etwas wie „Zuspitzung“. Man versteht darunter eine (problematische) Entscheidungssituation, die oftmals mit einem Wendepunkt verknüpft ist. Sind wir deshalb verunsichert, irritiert oder sogar blockiert, hilft es uns erfahrungsgemäß, mit einem anderen Menschen zu sprechen, der aufmerksam zuhört und dabei Fragen stellt, die idealerweise zu neuen Sichtweisen und/oder Erkenntnissen führen. Das gilt natürlich insbesondere dann, wenn Probleme so übermächtig geworden sind, dass sie allein (scheinbar) nicht mehr gelöst werden können. Sie haben wahrscheinlich schon erlebt, wie wohltuend es ist, wenn sich andere spürbar darum bemühen, uns zu verstehen, sie also Interesse an dem zeigen, was uns im Innersten bewegt? Dann können wir uns quasi durch die Augen unseres Gegenübers neu entdecken.

Wer sich (beruflich) mit den derartigen Krisen anderer Menschen beschäftigt und sie unterstützen möchte, diese zu bewältigen, sollte selbst möglichst aufgeräumt sein. Ein – wie ich finde – ganz wesentlicher Bestandteil der Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten ist es, sich intensiv mit der eigenen Persönlichkeit zu beschäftigen. Dafür gibt es gute Gründe. Im Ärzteblatt (PP 14, Ausgabe März 2015, Seite 122) heißt es in diesem Zusammenhang: „Selbsterfahrung soll durch die systematische Auseinandersetzung mit dem eigenen Erleben und Verhalten die therapeutische Kompetenz der Ausbildungsteilnehmer fördern. Diese Auseinandersetzung geschieht durch die Bewusstmachung und Auflösung „unbewusster oder verdrängter oder dem angestrebten Beruf nicht angemessener Seiten der eigenen Person, des eigenen Selbst“ […] Neben dem Erkennen eigener „blinder Flecken“ soll die psychotherapeutische Beziehungs- und Interaktionskompetenz durch den Erwerb und die Kultivierung therapieförderlicher Selbstanteile und Ressourcen gestärkt werden.“ Auch in den gängigen psychologisch-ausgerichteten Weiterbildungen (Coaches, Psychologische Berater/-innen, Heilpraktiker/-innen für Psychotherapie etc.) wird die aktive Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit in der Regel gefordert. Hier geht es allerdings in erster Linie darum, den Absolventen/-innen persönliche Erfahrungen mit jenen Methoden zu ermöglichen, die im Rahmen dieser Fortbildungen vermittelt werden. Ziel dabei ist es, herauszufinden, welche Methoden zu einem passen und deren Wirksamkeit einmal selbst zu erfahren.

„Wer auf den rechten Weg will, muss durchaus durch sich selbst hindurch.“ 

Wilhelm Busch

Um Verhaltensänderungen zu ermöglichen, die zur Persönlichkeit eines Menschen passen, wird die Selbstreflexion in der Psychotherapie und im Coaching wie eine Art „Tool“ eingesetzt. Dabei werden Klienten/-innen dazu angeleitet und anschließend individuell unterstützt. Zudem wird sie als eine der zentralen Voraussetzungen für verantwortungsbewusstes (reflektiertes!) Handeln betrachtet. Ohne entsprechende Hilfsmittel wäre es aufgrund unserer „blinden Flecken“ in der Selbstwahrnehmung allerdings eine regelrechte Sisyphusarbeit, einen fundierten Einblick in das zu bekommen, was uns an uns selbst für gewöhnlich verborgen bleibt. Der Prozess der Selbsterkenntnis ist m. E. vergleichbar mit einem Puzzle, bei dem sich viele einzelne Teile allmählich zu einem Ganzen zusammenfügen, das sich im Laufe der Zeit jedoch immer mal wieder verändert.

Selbstreflexion bedeutet, sich in einer intensiven Weise mit dem eigenen Erleben und Verhalten zu beschäftigen. Der Theorie der objektiven Aufmerksamkeit zufolge kann sich die Aufmerksamkeit eines Individuums auf externe Ereignisse oder auf die eigene Person richten. Im Zustand der objektiven Selbstaufmerksamkeit achtet das Individuum auf eigenes Verhalten sowie auf eigene Stimmungen und entsprechende Standards. Die wahrgenommene Diskrepanz führt zu dem Bedürfnis, diese zu reduzieren („Diskrepanzreduktion“). Das kann zu Verhaltensänderungen motivieren oder eine Defensivreaktion (Leugnen etc.) auslösen. Bestehende oder vermeintliche Ist-Soll-Diskrepanzen werden dabei verstärkt erlebt, aktuelle Emotionen intensiviert und die eigenen Normen für das Handeln wirken eventuell stärker. Eine systematische und kontinuierliche Selbstreflexion sollte es demzufolge ermöglichen bzw. erleichtern, mit Veränderungen umzugehen, aus Erfahrungen zu lernen sowie entsprechend zu denken und zu handeln. Dabei ist die Fähigkeit unabdingbar, sich auf seine eigenen Stärken und Schwächen zu beziehen, im gesunden Maße selbstkritisch zu  sein und persönliche Verstrickungen in Schwierigkeiten oder Problematiken überhaupt zu erkennen (d. h. sie nicht auszublenden). Es geht also vorrangig um die Auseinandersetzung mit eigenen Reaktions- und Verhaltensmustern, um nicht im unbrauchbaren bzw. nutzlosen oder veralteten Erfahrungswissen zu verharren, sondern immer wieder situationsangemessenes und ggf. innovatives Verhalten zeigen zu können, vor allem dann, wenn es darum geht, unklare, herausfordernde oder problematische Situationen zu bewältigen. Oft geht es bei der Selbstreflexion also darum, Ideen zu entwickeln, wie man sich selbst oder die eigenen Lebensumstände verbessern kann. Mindestens ebenso wichtig ist es m. E. aber, einen guten Umgang mit dem hinzubekommen, was einen im Kern ausmacht. In diesem Zusammenhang halte ich es für erforderlich, die eigenen Bedürfnisse gut im Blick zu haben, die damit verbundenen Gefühle zuzulassen, sie anzunehmen und achtsam mit sich und anderen Menschen umzugehen. Auch hierfür gibt es etliche Methoden und Instrumente, die einem dabei helfen können.

Doch nicht jede Form der Selbstreflexion ist tatsächlich förderlich: Sinnloses oder sogar destruktives Grübeln ist von ergebnisorientierter Selbstreflexion zu unterscheiden, die ja einer Verbesserung der Erreichung selbstkongruenter Ziele oder der bewussten Selbstveränderung und Selbstentwicklung dienen sollte. Sich gedanklich selbst zu zerfleischen oder erlebtes Leid bzw. Niederlagen immer wieder vor Augen zu halten, ist jedenfalls nicht unbedingt zu empfehlen.

„Der Mensch tut gut daran, einen Bleistift bei sich zu tragen und die Gedanken, wenn sie kommen, niederzuschreiben.“  

Francis Bacon

Bemerkt man, dass sich die eigenen Gedanken widerspenstig im Kreis drehen oder sie sich ausschließlich in gewohnten Bahnen bewegen, ist man wahrscheinlich bereits im Grübelmodus. Dann ist es klug, den Denkprozess bewusst zu stoppen, kurz innezuhalten und sich zu überlegen, ob es eine spezielle Methode (bzw. ein Tool) gibt, mit deren Hilfe sich ein neuer Blickwinkel oder sogar ein Lösungsansatz entwickeln ließe. Oft reicht es bereits, das, was in einem vorgeht, einmal zu Papier zu bringen, oder sich selbst auf das aktuelle Thema bezogene Fragen zu formulieren, die aus der lösungsorientierten bzw. systemischen Arbeit bekannt sind, und sie (am besten ebenfalls schriftlich) zu beantworten. Gibt der eigene Methodenkoffer nichts her, was in irgendeiner Weise nützlich zu sein scheint, sollte man sich m. E. ein Gegenüber suchen und über das Problem oder den Sachverhalt sprechen. 

Obwohl wir den meisten Herausforderungen, die das Leben für uns bereithält, vermutlich irgendwie auch allein begegnen könnten, ist es bei gewissen Fragestellungen für die Initiierung entsprechender Suchprozesse durchaus förderlich, einem interessierten Mitmenschen Rede und Antwort zu stehen. Denn leider haben wir in unserem „stillen Kämmerlein“ manchmal keinen hinreichenden Zugang zu jenem Erfahrungswissen, das uns eine passende Strategie aufzeigen könnte. Das gilt insbesondere in jenen Phasen, die wir als Krise erleben, in denen wir besonders gestresst oder außerordentlich belastet sind, die also einen gewissen Leidensdruck erzeugen. 

Wie handhabe ich das mit der Selbstreflexion?

Für mich ist es – wie vermutlich für viele andere auch – eine Selbstverständlichkeit, mich und mein Handeln immer mal wieder zu reflektieren. Zudem probiere ich jede Methode, mit der ich in Seminaren, im Coaching oder in der Beratung arbeite, zunächst an mir selbst aus, um ein Gespür dafür zu entwickeln, was sie in etwa bewirkt und wie sie es tut. Darüber schreibe ich dann gelegentlich in meinem Blog. Da ich allerdings davon ausging, vielleicht auch einige blinde Flecken in meiner Selbstwahrnehmung zu haben, suchte ich über viele Jahre lang in regelmäßigen Abständen einen Tiefenpsychologen auf, um diese zu erhellen und – was mir für meinen Beruf unerlässlich zu sein scheint – dafür Sorge zu tragen, dass Unverarbeitetes aus meiner eigenen Biografie die Arbeit mit meinen Klienten/-innen nicht unnötig erschwert oder mich in irgendeiner Weise blockiert. Mit den meisten Themen, um die es in diesen Gesprächen ging, hatte ich mich zuvor schon intensiv befasst. Da nun aber gelegentlich ganz neue und sogar überraschende Aspekte zum Vorschein kamen, die mir bis dahin offensichtlich entgangen waren, bin ich heute davon überzeugt, dass ich ohne einen solchen Austausch wesentlich länger dafür gebraucht hätte, bestimmte Fragestellungen für mich zu klären und die damit einhergehenden (inneren) Konflikte aufzulösen.

Dipl.-Psych. Rainer Müller, www.psyche-und-arbeit.de

Vorstellungsvideo und Interview mit Rainer Müller

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