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Sanduhr
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Wann, wenn nicht jetzt


Selbstreflexion in Krisenzeiten

“Gnothi seauton” – die altbekannte Aufforderung, sich selbst (besser) kennen zu lernen, mag auf den ersten Blick als weltfremde Beschaulichkeit oder esoterischer Zeitvertreib von geringem praktischem Wert belächelt werden. Doch spätestens in Krisenzeiten kommt einer ernsthaften Selbstreflexion größte Bedeutung zu: Wer wollte sich schon mit ungenau kalibrierten Instrumenten auf die Reise in unbekannte Gefilde machen?


Der Duden – seit 1880 Standardwörterbuch der deutschen Sprache – versteht unter einer Krise den „Höhe- und Wendepunkt einer gefährlichen Entwicklung“. In einer solchen Krise stehen wir an oder jenseits der Grenze zur Überforderung, sind meist unter Zeitdruck und haben weitreichende Entscheidungen zu treffen, die sich häufig auch auf unser Umfeld massiv auswirken.

In weit stärkerem Ausmaß als sonst werden wir selbst zur zentralen Funktion, die Erfolg oder Misserfolg unserer Bewältigungsstrategien bedingt.

Leadership

Rudolf Steiger, emeritierter Professor für Menschenführung und Kommunikation der ETH Zürich und Autor des Klassikers „Menschenorientierte Führung“ bezeichnet den folgenden „Arbeits- und Führungsrhythmus“ als Grundvoraussetzung einer erfolgreichen Krisenbewältigung:

  • Problemerfassung
  • Lagebeurteilung
  • Entschlussfassung
  • Vorgehensplan
  • Umsetzung
  • Erfolgskontrolle und laufende Anpassung

Exzellente Führungskräfte haben diesen oder einen ähnlichen Ablauf internalisiert und können darauf in ihrer täglichen Arbeit intuitiv aufbauen, ohne lange nachdenken zu müssen. 

Mount stupid

Die beiden Sozialpsychologen David Dunning und Justin Kruger haben in mehreren Studien eine kognitive Verzerrung im Selbstverständnis inkompetenter Menschen festgestellt. In Krisensituationen stehen wir alle am Rande oder außerhalb unserer Kompetenzbereiche und müssen das Risiko beachten, selbst zum Opfer des Dunning-Kruger-Effekts zu werden: Wir sind gefährdet unser Wissen und Können zu überschätzen und handeln zunehmend aus Gewohnheit und Neigung – unter Druck kommen nicht unbedingt unsere besten Qualitäten zum Vorschein …

Selbstreflexion

Regelmäßige Momente der Selbstreflexion scheinen mir das adäquateste Mittel, dieser Gefahr zu begegnen und an den Herausforderungen bestmöglich zu wachsen.

Für mich sind Krisensituation so etwas wie ein Turbo für die Persönlichkeitsentwicklung – intensive Trainingsintervalle, die uns dazu herausfordern, die Grenzen unserer Komfortzonen zu überschreiten: Wie sehr gelingt es mir, anstehenden Herausforderungen angemessen gegenüber zu treten und auch bei großer Belastung nicht in wenig förderliche Gewohnheiten und Neigungen zu verfallen?

An dieser Stelle ist es günstig, sich zuerst einen Überblick über folgende Themen zu verschaffen:

  • Was genau ist die Herausforderung?
  • Was ist für mich eine „große Belastung“?
  • Was sind meine „wenig förderlichen Gewohnheiten“?

Ich persönlich erlebe es als herausfordernd, auf COVID und die damit verbundenen veränderten Rahmenbedingungen angemessen zu reagieren – das gesundheitliche und wirtschaftliche Risiko einzuschätzen und meinen Umgang damit immer wieder neu anzupassen. 

Als „große Belastung“ empfinde ich deutlich längere Arbeitszeiten als üblich: Wenn ich mehr als drei Wochen auf zumindest einen freien Tag pro Woche verzichte und kaum noch an die frische Luft komme, werde ich persönlich unrund, meine Leistungsfähigkeit lässt nach und die Aufmerksamkeit bei der Einschätzung der Situation von Geschäftspartnern und Kunden nimmt ab.

Ich neige dann dazu, in einen „Krisenmodus“ umzuschalten, verliere einen Teil meiner Flexibilität und betreibe Raubbau an meiner Gesundheit. Wenn ich das nicht rechtzeitig bemerke und entsprechendes Feedback nicht rechtzeitig berücksichtige, werde ich rigide und ungeduldig und schraube meine Erwartungshaltung gegenüber mir selbst und meinem Umfeld deutlich nach oben.

Dass das auf Dauer keine wirklich sinnvolle Strategie ist, ist mir selbstverständlich bewusst, auch wenn mir dieses Wissen im Eifer des Gefechts schon mal abhanden kommt …

Und genau in diesen Situationen hilft mir die tägliche Selbstreflexion kurz innezuhalten und nachzujustieren, wo die Gefahr besteht, in alte Muster zu verfallen.

Dafür habe ich in den letzten Jahren in der praktischen Arbeit mit mir selbst und für meine Kunden das softwareunterstützte Verfahren Quod.X® entwickelt, das in seinen Grundzügen leicht erlernbar und auch ohne digitale Unterstützung einsetzbar ist.

Dieses aktive Sich-selbst-hinterfragen mitten im konkreten Tagesgeschäft lässt sich mit folgender einfachen Übung im Alltag trainieren – in jeder Arbeitspause, im Lift, der Straßenbahn oder an der roten Ampel:

1. Auffälligkeiten lokalisieren

Was spricht mich genau jetzt persönlich an? Lassen Sie hier Ihrer Intuition freien Lauf. Gehen Sie dabei gnädig mit sich selbst um und verzichten Sie auf jede Form von Bewertung. Auch vermeintlich unscheinbare Begebenheiten sind relevant, wenn sie sich Ihnen aufdrängen.

2. Werthaltungen identifizieren

Worum geht es mir dabei wirklich? Hier sind Ihre höchst persönlichen Werte angesprochen: Achten Sie hauptsächlich auf Fakten? Auf Zwischenmenschliches? Auf Ideen? – In unser detaillierteres, 7-teiliges Wertemodell können Sie sich HIER einlesen.

3. Zufriedenheit feststellen

Bin ich dabei mit meinen persönlichen Werthaltungen im Einklang? Auf das Verhalten anderer können wir nur eingeschränkt Einfluss nehmen – doch macht es einen wesentlichen Unterschied, ob wir uns bei unseren Handlungen und Interaktionen der eigenen Werte bewusst sind oder nicht.

4. Verantwortungsbereich zuordnen

Welchen meiner Verantwortungsbereiche betrifft das? Hier ist es von großem Vorteil, eine kleine persönliche Landkarte der eigenen Verantwortungsbereiche im Hinterkopf zu haben. Denn allzu oft lassen wir uns von Themen in Beschlag nehmen, zu denen wir keinen nennenswerten Beitrag leisten können. Wir verlieren den Fokus und verstricken uns in Ablenkungen.


Zu Beginn eines solchen Reflexionsprozesses macht es Sinn, sich dafür eine gute halbe Stunden zu reservieren und zumindest 15 bis 20 solcher Kurzreflexionen zusammenzutragen – am besten in schriftlicher Form. 

Anfangs mag das noch etwas ungewohnt und anstrengend sein. Wie bei einem Wasserhahn, den Sie nach längerer Zeit wieder einmal aufdrehen, kann es gut sein, dass das Wasser noch verunreinigt ist und etwas rostig schmeckt. Sobald die Leitungen ordentlich gespült sind, wird sich das ändern.

Betrachten Sie diese erste Selbstreflexion einfach als Mittel, sich Angestautes von der Leber zu schreiben, ohne allzu viel darüber zu grübeln. Danach gönnen Sie sich eine Pause: Gehen Sie an die frische Luft, betreiben Sie Sport, machen Sie Musik oder sonst etwas, mit dem Sie den Kopf frei bekommen.

Anschließend nehmen Sie nochmals Ihre Aufzeichnungen zur Hand und betrachten – mit etwas Distanz – worüber Sie da reflektiert haben. Achten Sie dabei mehr auf die „dahinter“ liegenden Aspekte Ihrer Aufzeichnungen als auf die konkreten Auslöser. 

Schauen Sie auf Ihre Werthaltungen, ihre Zufriedenheit und die Verantwortungsbereiche, die Sie am meisten beschäftigen. Erkennen Sie schon die Muster, die sich wiederholen?

  • Was ist mir wirklich wichtig? (meine Werthaltungen)
  • Wie zufrieden bin ich mit dem, was ich erlebe? (Gelegenheiten, etwas zu verbessern)
  • Womit beschäftige ich mich hauptsächlich? (… und was habe ich vielleicht zu wenig im Blick?)

Stellen Sie sich die Fragen: Weiß ich das? – Will ich das? – Hilft mir das? … und beginnen Sie dort nachzujustieren, wo es Ihnen angebracht erscheint. 

Richten Sie eine für Sie persönlich stimmige Routine ein: Beginnen Sie mit der einfachen Regel „täglich 3 Minuten – 3 Kurzreflexionen“, zum Beispiel als Abschluss Ihres Arbeitstages bevor Sie in den wohlverdienten Feierabend gehen. Sammeln Sie diese täglichen Notizen und nehmen Sie sich einmal in der Woche etwas Zeit, sie wie oben beschrieben aus der Vogelperspektive zu betrachten. Mit Softwareunterstützung geht das natürlich etwas einfacher.

So haben Sie eine vorzügliche Möglichkeit, sich selbst zu führen, günstigere Verhaltensweisen zu trainieren und ihre intuitive Selbststeuerung zu verbessern. Davon werden Sie und Ihr Umfeld nicht nur in einer akuten Krisensituation profitieren.

Vorstellungsvideo und Interview Michael Defranceschi

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